„Im Juni 1972 gründete sich der Verein »Jugend- und Freizeitzentrum Vechta e. V.« mit dem Ziel sich für ein Haus stark zu machen, in dem die Jugendlichen in eigener Verantwortung, also in Selbstverwaltung, tagtäglich die Grundwerte und Grundregeln der Demokratie erfahren können und dementsprechend schließlich selbst danach handeln."(Auszug aus der Festschrift zur 5-Jahres Feier 1981)

1973 folgte dann die Zusammenarbeit mit dem „Verein für kriminalpädagogische Praxis (VfkP e. V.)" der unter der Leitung des Regierungsdirektors Gerd Pomper (Leiter der JVA-Lingen von 1977 – 1989 und am 22.03.1989 im Alter von 57 Jahren verstorben) die Idee der Selbstverwaltung mit der Idee der Resozialisierung für jugendliche Strafgefangene verband. Dies, so muss heute sicherlich anerkannt werden, gab dem Projekt letztlich wohl die bundesweite Einmaligkeit und machte es deutschlandweit bekannt. Neben den vielen Einzelengagements war es sicherlich der Professionalität und der Stellung Pompers zu verdanken, dass das Gulfhaus bis heute Bestand hat, wenn auch mit anderen Zielen.

Schnell war dann ein Gebäude gefunden, welches sich auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalt befand und bis dahin landwirtschaftlich genutzt wurde – das Gulfhaus. Ein architektonischer Baustil aus dem ostfriesischen Raum gab dem Haus seinen Namen. Ein ehemaliger Häftling hatte sich diese Holzkonstruktion vor über 100 Jahren während seiner Haft hergestellt und wollte es als wirtschaftliche Grundlage nach seiner Entlassung nutzen. Hierzu kam es nicht mehr, denn er starb noch vor seiner Entlassung. So baute es dann wohl die Justiz auf und nutze es für ihre Zwecke.

Es folgten Verhandlungen mit dem Land und den Justizbehörden über die Nutzung als Resozialisierungszentrum. 1974 wurde dann mit den Bauarbeiten begonnen und unter der Leitung des Vechtaer Innenarchitekten Willi Hempelmann (heute unter seinem Künstlernamen Jan Willem bekannt) und dem tatkräftigen Einsatz vieler Jugendlicher aus der Stadt und Strafgefangener aus dem „Jugendlager Falkenrott" das Projekt umgesetzt. Viele Rückschläge, wie z. B. ein Baustillegungsverfahren, permanente Geldknappheit etc., waren zu überstehen, bis endlich am 19. Februar 1976 die offizielle Eröffnung erfolgte. Dem unermüdlichen Einsatz von Gerd Pomper war es auch hier wohl zu verdanken, dass immer wieder Geld zur Verfügung stand, um die Baukosten zu decken. Von der Stadt Vechta hatte es wohl bis dahin keine finanzielle Unterstützung gegeben. „Bürgermeister Möller hatte uns nur versprochen, dem Projekt Gulfhaus nicht den Hals umzudrehen." (Auszug aus der Festschrift zur 5-Jahres Feier 1981)

Zur Eröffnung kam dann sogar die Politik aus Bonn per Hubschrauber eingeflogen, der damalige Bundesjustizminister Dr. Hans-Jochen Vogel wollte sich vor Ort über dieses einmalige Projekt informieren, über das ihn zuvor Gerd Pomper und der damalige MdB Hans Lemp in Bonn berichtet hatten. Man muss diesen Besuch als absoluten Zuspruch zum Projekt der Resozialisierung betrachten, denn diese war zu dem Zeitpunkt mehr als umstritten und in Vechta als „Knaststadt" ohnehin fast täglich in der Öffentlichkeit. Sicherlich zu vergleichen mit der heutigen kontroversen Diskussion über die Resozialisierung von Sexualstraftätern.

Aufgrund der permanent schlechten Finanzlage im Haus gründete sich dann der sogenannte Verwaltungsrat, der sich vorrangig um die Bewältigung der finanziellen Probleme kümmern sollte. Dieses Organ sollte lediglich in der Zeit von Oktober 1978 – März 1979 bestehen. Tatsächlich hatte er bis Oktober 1980 Bestand und setzte sich aus 3 Vertretern des JFZ e. V. und 3 Vertretern des VfkP e. V. zusammen. Damit war zumindest die Idee der finanziellen Selbstverwaltung gestorben.

Noch immer fehlte ein von den Gremien des Hauses geforderter hauptamtlicher Sozialarbeiter, der die drängende Aufgaben im Haus mit den engagierten Jugendlichen organisierte. Die eigentliche Resozialisierung konnte zu der Zeit aufgrund der Fülle an verwaltungstechnischen Aufgaben (diverse Fachschaften, Besuchervollversammlungen, Verwaltungsrat etc.) im Haus auch nur sehr eingeschränkt von statten gehen. Hinzu kamen natürlich auch noch die Kernaufgaben im Haus, die allen Einsatz von den Ehrenamtlichen forderte.

Ein Schüler schilderte einen typischen Wochenablauf so:

„Montagabend: Besuchervollversammlung (BV) ziemlich stressig, hat lange gedauert.

Dienstag: Schule, Chemiearbeit zurück erhalten, 4 Punkte - Frust; Abends: Fachschaftsbericht getippt

Mittwoch: Schule war nervig, sechs Stunden; Nachmittags: für Klausur gelernt; Abends: Finanzausschuss bis 23.00 Uhr, heiße Diskussionen

Donnerstag: Schule verpennt, 13.30 Uhr zum Gulf Getränkelieferung entgegen nehmen 14.45 Uhr wieder zum Gulf, Aufsicht bis 15.30 Uhr; Aufruf an die Jugendlichen mal mit ‚nem Besen zu kommen, gescheitert Danach Kasse gemacht, Lager gezählt, gereinigt etc.; 18.30 Uhr Fachschaften vorbereiten, um 19.00 Uhr kommen die Strafgefangenen. Nach Hause, gelernt, penne schlecht

Freitag: Klausur, Fachschaftszeitung, Theke, Workshop etc.

Samstag: Kasse machen, Octupus spielt.

Sonntag: Vorstandssitzung ...

Montag: BV ....... usw." ."(Auszug aus der Festschrift zur 5-Jahres Feier 1981)

Bis Mitte 1980 hatte das Gulfhaus 16 verschiedene Fachschaften. Im Mai 1980 sollte dann endlich der Wunsch nach einem Sozialarbeiter und Jugendpfleger erfüllt werden, nachdem der VfkP e. V. sich intensiv um die Besetzung dieser Stelle bemüht hatte, weil er die Zukunft des Hauses wohl in Gefahr sah.

Heute, im Rückblick, kann sicher festgestellt werden, dass die Zusammenarbeit zwischen dem JFZ e. V. und dem VfkP e. V. nicht immer reibungslos lief, aber ohne den VfkP e. V. das Projekt Gulfhaus sicherlich schon in den Anfangsjahren gescheitert wäre. Ursächlich hierfür war sicher, dass sich die Vorstellungen von professioneller Arbeitsweise nicht immer mit den Ideen der Jugendlichen hierzu in Deckung zu bringen waren. Vielleicht waren es auch einfach nur die Altersunterschiede in den beiden Vereinen. Gleichwohl wurden diese Diskrepanzen immer wieder umschifft und scheinbar gelöst.

Der Eklat brach jedoch wohl vollends mit der Einstellung des Jugendpflegers aus, da sich die Verantwortlichen des JFZ e. V. bei der Einstellung und Ausschreibung des Jugendpflegers nicht beteiligt sahen und damit die Grundprinzipien der Selbstverwaltung in Frage gestellt wussten. Über die Aufgaben des neuen Jugendpflegers war man sich indes einig: „Er sollte die inhaltliche Nachmittagsarbeit und vor allem die Resozialisierungsarbeit mit den Jugendlichen gemeinsam vorantreiben, bzw. alles besser miteinander koordinieren." (Auszug aus der Festschrift zur 5-Jahres Feier 1981) Ganz besonders empörte man sich darüber, dass der Jugendpfleger die Schlüsselgewalt bekommen und die Finanzen verwalten sollte. Da aber der VfkP e. V. den JFZ e. V. vor die Wahl stellte, das Haus zu schließen oder den Jugendpfleger zu akzeptieren, stimmte man widerwillig zu. Der Chronist schreibt: „Die ganze Sache um die Einstellung des Jugendpflegers zählt zu den dunkelsten Kapiteln des Gulfhauses, denn jetzt war sogar die Motivation bei den eifrigsten Kämpfern für die Selbstverwaltung geschwunden, und die Stimmung im Haus selbst war gelinde ausgedrückt sehr mies."(Auszug aus der Festschrift zur 5-Jahres Feier 1981)

Auch wenn die Vorbehalte gegenüber dem Jugendpfleger groß waren, so machte sich dieser Professionalisierungsschritt schnell bemerkbar, denn zum ersten Mal schloss das Stoppelmarktszelt mit einem wirtschaftlichen Erfolg ab, was in den 2 Jahren zuvor nicht gelang.

Hans Höffmann aus Bösel war der „Mann der Stunde", der dem Haus die notwendige Professionalisierung verschaffte und damit die Zukunft des Hauses sicherte. Hans Höffmann ist vielen Menschen heute als erfolgreicher Reiseunternehmer aus Vechta bekannt, der letztlich wohl damit sein Hobby zum Beruf machte und noch heute mit großer Überzeugung Jugendarbeit leistet.

Im Laufe der Monate lernte man sich kennen, neue Ziele wurden erarbeitet und der Elan kehrte bei allen Beteiligten zurück, sodass sich beide Vereine einvernehmlich für Hans Höffmann aussprachen. Nicht zuletzt seinem Engagement ist es zu verdanken, dass das Gulfhaus die schwierigen Zeiten durchschiffte und der Resozialisierungsgedanke im Gulfhaus neu belebt wurde.

Im gleichen Jahr wurde eine Fachschaft „Strafvollzug" gebildet, die sich mit dem Thema Resozialisierung auseinandersetze. Diese regelmäßigen Treffen von freien und inhaftierten Jugendlichen waren jedoch oft dadurch gestört, dass die Inhaftierten aufgrund von Vollzugsmaßnahmen nicht ins Gulfhaus kommen durften und dadurch keine kontinuierliche Arbeit geleistet werden konnte. Diesen Missstand aufzeigend wandte sich dann Herr Höffmann in einem Schreiben an den damaligen Nds. Justizminister Prof. Dr. Hans-Dieter Schwindt mit der Bitte, diese Praxis im Sinne einer kontinuierlichen Arbeit abzustellen.

Am 08. Juli 1980 berichtet dann die Oldenburgische Volkszeitung (OV) „Neuer Anfang für das Gulfhaus Minister gab Grünes Licht. – Ich habe als Justizminister kein Interesse an einem Gulfhaus, in dem Strafgefangenen eine besonder Art von Unterhaltung und Vergnügen gewährt wird. Ich habe nur Interesse an diesem Haus, wenn hier den Gefangenen Hilfestellungen zur Entlassung gegeben werden. Zu einer solchen Arbeit habe ich meine volle Unterstützung zugesagt. ..."

Während der Feier zum 5-jährigen Jubiläum des Gulfhauses kommt es dann aber zum Eklat zwischen dem Jugendpfleger Johannes Höffmann und dem Nds. Justizminister Prof. Dr. Schwindt. In seiner Festrede kritisiert Herr Höffmann die Vorgehensweise von Vollzugsbeamten, worauf der Minister mit seinem gesamten Gefolge das Gulfhaus verlässt. Dieser Eklat ist den Vechtaern bis heute in Erinnerung geblieben, da er danach noch häufiger in der lokalen Presse in Form von Leserbriefen bearbeitet wurde. Unvergesslich sind bis heute in Folge dessen die verbalen Auseinandersetzungen zwischen dem Minister und dem jungen Mitglied des Landtages und heutigem Bürgermeister der Stadt Vechta, Uwe Bartels. „Herr Bartels liebt es, im Trüben zu fischen ...", so die OV am 13.05.1981. Hierauf antwortet Herr Bartels mit einem Leserbrief in der OV vom 15.05.1981 „Ein echtes Schwind – ei ..."

Kaum war dieser Streit beendet ging es 1982 bereits wieder um die Verlängerung des 1984 auslaufenden Pachtvertrages zwischen den sogenannten Gulfhausvereinen und den Justizbehörden in Celle. Auch hier war MdL Uwe Bartels wieder die treibende Kraft und erreichte Ende 1982 mit dem Nachfolger von Minister Schwindt, Herrn Walter Remmers, die Verlängerung bis 1986, sodass die Jugendarbeit zunächst weitergehen und die geplanten Sanierungsarbeiten im Haus beginnen konnten.
1983 gründete sich dann die „Gulfhaus" Jugendzentrum GmbH mit dem Jugendpfleger Hans Höffmann als Geschäftsführer. Da sämtliche Unterlagen wohl nach dem Ende der Aufbewahrungsfristen vernichtet worden sind, bzw. beim Feuer des Jugendzentrums an der Overbergschule verbrand sind, lässt sich der Hintergrund dieser Gründung nicht vollends klären. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass diese Gründung parallel zum Ausstieg des „VfkP e. V." erfolgte, weil dieser wohl nicht mehr die steuerliche Verantwortung übernehmen wollte. Die neue Gesellschaft verfolgte den Zweck: „Den Betrieb des Gulfhauses in Vechta als Jugend- und Freizeitzentrum mit einem gastronomischen Betrieb. ... Die Gesellschafter fördern die freie Jugendarbeit und die Resozialisierung Strafgefangener. ..." (Auszug aus dem Handelsregister)

Im November 1987 beschließt dann die Gesellschafterversammlung die Auflösung der Gesellschaft. Dieser Zeitpunkt muss identisch sein mit dem Ende (vorerst) der Resozialisierung und Jugendarbeit im Gulfhaus selbst. Die städtische Jugendpflege fand jedoch auch weiterhin statt und hatte seinen Sitz in einem Nebengebäude der Overbergschule, welches dann in den Folgejahren abbrannte. Eine provisorische Heimat fand die Jugendarbeit dann in einem „Container" neben der Alexanderschule, wo auch der damalige Stadtjugendpfleger, Heiner Niedfeld, sein Büro hatte.

1984 kommt dann noch einmal „Leben" in die Jugendszene der Stadt Vechta, Udo Lindenberg und sein Panikorchester sollen in die Stadt kommen. Leider sind alle bekannten Räumlichkeiten zu klein, sodass sich die Gulfis unter Leitung von Hans Höffmann die damalige Reithalle als Konzerthalle ausgesucht haben. Leider wird kein Konsenz zwischen den Verantwortlichen gefunden, sodass dieses Konzert aus Angst vor Vandalismus nicht durchgeführt werden konnte.

Im Jahre 1987 beginnen dann auch die ersten archiologischen Ausgrabungen auf dem Gelände der ehemaligen Zitadelle in Vechta. Einem Gelände, das die Stadt zuvor vom Land Niedersachsen erworben hat. Zu diesem Gelände gehörte auch das Zeughaus, heute als Museum genutzt und natürlich das Gulfhaus.

1990 hatte sich dann endlich der „Kampf" vieler Jugendlicher und Eltern ausgezahlt, die den Bau eines neuen Jugendzentrums in den Vorjahren gefordert hatten.

Es hatte sich 1986 sogar ein „Eltern-Förderkreis Gulfhaus e. V." in Vechta gegründet, der sich dann 1992 wieder auflöste.

Jetzt war es soweit, die Stadt Vechta hatte nach langen Planungen und Vorüberlegungen, den Bau eines neuen Hauses begonnen und das alte Gulfhaus dabei architektonisch als Veranstaltungsraum mit eingebunden. Im Herbst 1991 konnte der Neubau dann feierlich an den Stadtjugendpfleger, Heiner Niedfeld, und damit an die Jugendlichen in Vechta übergeben werden.

Seit diesem Zeitpunkt wird das Haus als 100%ige „Tochter" der Stadt Vechta in der Rechtsform einer GmbH geführt. Die Gesellschaft hat 3 Organe. Die Gesellschafterversammlung, vertreten durch den Verwaltungsausschuss der Stadt Vechta und seinem Vorsitzenden, dem Bürgermeister, Herrn Uwe Bartels, dem Beirat, bestehend aus 4 Jugendlichen und jungen Erwachsenen und einem Vertreter der Stadt Vechta und dem Geschäftsführer, Herrn Ludger Hausfeld. Die Gesellschaft ist gemeinnützig und als Träger der freien Jugendhilfe gemäß § 75 SGB VIII anerkannt. Zu den Aufgaben der Gesellschaft gehören heute, neben der sogenannten „offenen" Jugendarbeit, u. a. die Stadtjugendpflege, die Präventionsarbeit, aber auch viele Aufgaben, die als Dienstleitung für die Stadt Vechta erbracht werden. Zu nennen sind hier u. a. die Ferienbetreuungen, Hausaufgaben- und Nachmittagsbetreuung und die Durchführung der Ferienangebote für Kinder und Jugendliche. Daneben hat sich die Gesellschaft unter dem Logo des Gulfhauses die Durchführung eines abwechslungsreichen Kultur- und Konzertprogrammes erhalten, welches schon seit der Gründung des Gulfhauses zu den Kernaufgaben gehörte.

35 Jahre Gulfhaus sind 35 Jahre wechselhafte Geschichte und Kampf einiger Weniger, die an die Idee der Selbstverwaltung und damit an die Verantwortlichmachung junger Menschen für ihre eigenen Ziele und Ideen geglaubt haben; dies zeigt die Geschichte des Gulfhauses ganz deutlich. Aber die Geschichte zeigt auch, dass es Veränderungen und Fortschritt nur geben kann, wenn sich Menschen für ihre Ideen und Ziele einsetzen und sie zeigt, dass es niemals generalisierte Antworten auf die Bedürfnisse und Wünsche junger Menschen geben kann. Die Jugendarbeit allgemein unterliegt dem Wandel und Fortschritt in der Gesellschaft und sollte sich immer auch am Jugendwillen selbst orientieren.

Das Ziel der Jugendarbeit aber sollte auch in der Zukunft klar sein, nämlich die Hinführung zu Selbstständigkeit und Selbstverantwortung, und sie sollte die Vermittlung der Werte einer demokratieliebenden und christlich orientierten Gesellschaft beinhalten.

„Was bei der Jugend wie Grausamkeit aussieht, ist meistens Ehrlichkeit."
(Jean Cocteau)

V.i.S.d.P.
Ludger Hausfeld
Geschäftsführer